Interview-Michael-Widmer

«Kommunikation findet in den Gemeinden oft reaktiv statt»

Die Aargauer Gemeinden gelten als Vorreiter in Sachen digitale Verwaltung. Doch bei der digitalen Kommunikation und beim Einsatz von Social Media liegen sie nur im Schweizer Mittelfeld. Eine Spurensuche im Aargau mit Michael Widmer, Gemeindeschreiber von Frick und Präsident der Aargauer Gemeindeschreiberinnen und Gemeindeschreiber.

Interview mit Michael Widmer, Präsident Aargauer Gemeindeschreiberinnen und Gemeindeschreiber.

Michael Widmer, der Aargau geht voran. Sogar in den kleinsten Aargauer Gemeinden kann man problemlos digital ein Baugesuchsformular ausfüllen oder sich anmelden. Doch bei aller Fortschrittlichkeit, Social Media ist für viele noch kein Thema. Wie erklären Sie sich das?

Zwischen der digitalen Verwaltung und der digitalen Kommunikation gibt es im Aargau einen grossen Unterschied: Das Projekt zur digitalen Verwaltung wurde zentral aufgegleist und läuft auf der Hardware des Kantons Aargau. Die Gemeindepersonalfachverbände haben zusammen mit der Gemeindeammänner-Vereinigung eine GmbH gegründet. Diese gewährleistet, dass die Bevölkerung der einzelnen Gemeinden Zugang zu den einzelnen Dienstleistungen hat. Kommunikation hingegen ist etwas, das jede Gemeinde für sich allein organisiert und auch umsetzt.

Im Aargau ist nur etwa jede zweite Gemeinde auf Social Media, obwohl allein auf Instagram über 60 % der Einwohnerinnen und Einwohner vertreten sind. Wie erklären Sie sich das?

Der Kanton Aargau ist sehr heterogen. Wir haben viele kleine Gemeinden von wenigen hundert Einwohnenden. Unsere grössten Städte Baden, Aarau und Wettingen haben etwas über 20 000 Einwohnerinnen und Einwohner – auch das ist nicht sehr gross. In den meisten Gemeinden gibt es keine Kommunikationsabteilung. Der Gemeindeschreiber ist für die Kommunikation verantwortlich. Ob in dieser Situation Social Media gepflegt wird, hängt meist davon ab, welche Affinität die betreffende Person dazu hat und wie wichtig er oder sie es einschätzt.

Kommunikation ist für Michael Widmer eine strategische Aufgabe.

Der Medienmonitor der BAKOM zeigt recht deutlich, wie wichtig Social Media für die Meinungsbildung ist: nämlich wichtiger als Print.

Ja, das stimmt. Ich denke, jede Gemeinde macht sich Gedanken darüber, wie sie die Menschen erreicht. Wenn eine amtliche Publikation bei allen Haushalten im Briefkasten landet, heisst das noch lange nicht, dass sie auch gelesen wird. Deshalb sind wir in Frick auf Social Media und pflegen diese Kanäle auch. Wir haben ein Redaktionsteam, in dem ich auch dabei bin. Ich sehe Kommunikation als strategische Aufgabe. Ich stelle fest, den besten Response haben Posts mit Bildern: Landschaftsbilder, People – etwa neue Mitarbeitende, Bilder von Veranstaltungen oder Drohnenaufnahmen einer neuen Überbauung. Oder Wettbewerbe, bei denen wir z. B. das schönste Landschaftsbild aus der Gemeinde suchen und die Bilder posten.

Wie kommt das bei der Bevölkerung an?

Wir wurden auch schon gefragt, ob es denn unsere Aufgabe als Gemeinde sei, «einfach nur Bildli zu posten». Ich bin der Meinung: Ja, ist es – unter anderem. Denn es ist Mittel zum Zweck und bringt uns Follower, wir bauen eine Community auf. Diese Community können wir dann auch mit «seriöseren» Themen bedienen, etwa wenn wir ein Geschäft für eine Gemeindeversammlung vorbereiten oder indem wir Themen posten, die auch in den amtlichen Publikationen erscheinen, bloss in anderer Form, in einfacher Sprache und mit Bildern. Statt dem trockenen Amtsblatt-Text über das neue Regenrückhaltebecken gibt es für Social Media ein Bild des Beckens und einen kurzen, einfachen Text mit den wichtigsten Infos.

«in den Gemeinden wächst das Bewusstsein, dass kommunikation wichtig ist.»

Kommunikation wird in vielen Schweizer Gemeinden noch als rein operative Aufgabe gesehen. Wie ist das im Aargau?

Ähnlich. Im Moment ist es häufig so, dass Kommunikation reaktiv stattfindet. Es gibt eine Gemeindeversammlung, jemand kritisiert den Gemeinderat, die Medien nehmen es auf, man reagiert. Das hat auch damit zu tun, dass kleinere Gemeinden oft nicht die Ressourcen haben, die proaktive Kommunikation stärker zu gewichten. Das Bewusstsein wächst aber in den Gemeinden, dass Kommunikation wichtig ist.

Gemeinden tun ja oft das, was die Nachbargemeinden tun. Nehmen Sie das auch so wahr?

Ja, das kann ich bestätigen. Als wir mit Social Media gestartet hatten, kamen andere Gemeindeschreiberinnen und Gemeindeschreiber auf mich zu und waren interessiert, wie wir das machen. Wenn etwas gut läuft, will man auch mitmachen. Andererseits nehme ich bei Gemeinden auch eine Angst vor Shitstorms wahr. Trifft es eine Gemeinde, dann sagen viele: Haben wir es doch gewusst, zum Glück sind wir nicht auf Social Media.

Dabei finden Shitstorms statt – egal ob man auf Social Media ist oder nicht.

Genau. Das stimmt übrigens für Online- und Offline-Kommunikation. Wir haben in Frick in den letzten Jahren mehrfach Mitwirkungsanlässe organisiert. Dazu laden wir jeweils die betroffenen Anspruchsgruppen ein, um sich zu einem Projekt zu äussern. Dabei fragen wir ganz bewusst immer auch Menschen an, von denen wir wissen, dass sie kritisch oder gar ganz dagegen eingestellt sind. Auch hier sagen manche: Macht doch keine Veranstaltung, sonst gebt ihr den Gegnern nur eine Plattform. Ich finde, man muss alle Argumente anhören. Das hilft nicht nur bei der Entscheidungsfindung, sondern schafft auch Vertrauen. Der direkte Austausch zwischen Behörde, Verwaltung und Bevölkerung ist sehr wichtig.

Kommunikation auf Social Media ist für Michael Widmer Mittel zum Zweck: Die Menschen dort zu erreichen, wo Sie sich bewegen.

Wo sehen Sie sich als Aargauer Gemeindeschreiber mit dieser Haltung?

Vielen Gemeindeschreibern ist bewusst, dass sie etwas tun müssen, um die Menschen noch zu erreichen. Aber es ist eine ganz andere Frage, ob man es auch tatsächlich umsetzt. Oft fehlen das Know-how, die Zeit, der Plan.

Bei den Gemeinden fällt zudem auf, dass sie kaum auf LinkedIn sind. Im Aargau hat nur eine von fünf Gemeinden einen Account. Das ist doch recht erstaunlich, in Zeiten des Fachkräftemangels.

Die meisten Gemeinden rekrutieren tatsächlich auf der herkömmlichen Schiene: Auf gemeinden-ag.ch (der Webseite der Aargauer Gemeindepersonalfachverbände) und auf Publicjobs.

Da findet man ganzseitige Stelleninserate mit Auflistungen von Anforderungen und Aufgaben – attraktiv ist anders. Zudem erreicht man Quereinsteiger kaum.

Ja, da gibt es tatsächlich noch Luft nach oben. Wir sind mit einer Taskforce mit der Gemeindeammänner-Vereinigung daran, den Fachkräftemangel breit anzugehen. Dabei ist die Arbeit auf der Gemeinde genau das, was Leute aus der Gen Z wollen: Eine sinnstiftende Tätigkeit. Das so zu kommunizieren, fällt vielen Gemeinden noch schwer.

Wo sehen Sie die Gemeindekommunikation im Aargau in 10 Jahren?

Der Trend zu mehr Videos, Bildsprache und Infohappen wird weitergehen. Die Leute werden von den Gemeinden verlangen, dass sie einfacher mit ihnen kommunizieren. Die Gemeinden werden jedoch weiterhin auf allen Kanälen mit der Bevölkerung kommunizieren müssen: online, Print und analog. Nur so schaffen wir es, möglichst viele Menschen zu erreichen. Das ist viel Arbeit, aber sie lohnt sich!

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